Der Super-Golf
Menschen, die sich nicht besonders für Autos interessieren, verstehen erst recht nicht, warum der Golf GTI, dieses Auto für Kleinbürger, welche eigentlich gerne mehr hätten, so viele Gemüter bewegt. Um kaum einen anderen Kleinwagen wird ein derartiger Kult betrieben.
Es war das Jahr, als in Deutschland die Gurtpflicht für Autos festgelegt, in den USA die Todesstrafe wieder eingeführt wurde und in Montreal und Innsbruck die Olympischen Spiele stattfanden. Ein anderes weltbewegendes Ereignis, dem zunächst nur die Entwickler und Techniker des VW-Konzernes entgegenfieberten, war die serienmäßige Produktion des Golf GTI.
Alltagsauto mit Sportmotor
Bei dem Modell handelte es sich um ein kompaktes, alltagstaugliches Golf-Modell, das mit dem Motor eines Sportwagens ausgestattet war – jedenfalls was damalige Maßstäbe anging. Seine Höchstgeschwindigkeit wurde mit 182 Stundenkilometern beworben, die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h mit 9,2 Sekunden angegeben. Das Auto hatte die bisher stärkste Motorvariante im Golf I und wurde mit Superbenzin betrieben. Und anscheinend war es das Auto, auf das die Deutschen gewartet hatten: Die Produktion war eigentlich vorsichtig als Sonderserie mit 5.000 Exemplaren geplant worden, die Nachfrage übertraf jedoch alle Erwartungen. Als im Juli 1976 die ersten Super-Golfs in den Schaufenstern der Händler bewundert werden konnten, war es für Kaufinteressenten schon fast zu spät. So vermeldeten Fachblätter wie „Sport-Auto“ noch im gleichen Monat den Ausverkauf des Wagens. Ein Jahr nach Produktionsbeginn waren allein in Deutschland 21.836 Wagen zugelassen worden.
Der Traum von Geschwindigkeit
Die Typ-Initialen GTI wurden zum Kult, die drei Buchstaben entwickelten sich zur bekanntesten Autobezeichnung aller Zeiten. Denn so wie der VW Käfer den Besitz eines Autos an sich demokratisiert hatte, so sorgte der neue Golf dafür, dass auch der „kleine Mann“ endlich seinen Traum von Geschwindigkeit ausleben konnte. Allerdings war das Privileg schnell keines mehr, dazu waren es zu viele, die endlich das Gaspedal ganz durchdrücken wollten: Seit der erste GTI vom Band rollte, wurden rund 1,6 Millionen Exemplare verkauft.
Dabei war es durchaus nicht so, dass die Käufer nur aus jungen Wilden bestand. Denn obwohl man mit dem Volkswagen rasen konnte, war er nicht als pures Sportauto konzipiert. Vielmehr war er ein Allround-Talent. Sein Beschleunigungsvermögen war beachtlich, vollführte der Wagen aber mit viel Unterstatement und spielerischer Eleganz – so dass auch ängstliche Autofahrer sich nicht überfordert fühlten. Als die Autobauer noch nichts von ihrem Erfolg ahnten, sondern sich sorgten, dass die „normale“ Kundschaft verschreckt würde, dachten sich die Werber folgenden an Hausfrauen adressierten Pressetext aus: „Auch zum Einkaufen in Schrittgeschwindigkeit ruckfrei zu fahren.“
Ein sparsames Kraftpaket
Der kleine Kraftprotz war seinen Kollegen in vielerlei Hinsicht voraus: Der erste GTI begnügte sich so mit weniger als 10 Litern Treibstoff auf 100 Kilometern – zum Vergleich: In den 70er Jahren soff ein Auto im Durchschnitt rund 12 Liter. Die Sessel des Wagens waren ergonomisch geformt und hatten den Segen von Orthopäden. Sein Äußeres war mit rotem Rahmen am Kühlergrill, etwas breiteren Reifen als üblich, mattschwarzen Dekorelementen dezent anders.
So ist es kein Wunder, dass das Auto auch die nächsten Autofahrer-Generationen begeisterte und mit dem Golf GTI auch die Zeit der großen Tuner und ihrer leistungsbewussten Klientel begann. Und auch heute noch gibt es überall in Deutschland Fanclubs und große Treffen, wo man aufgeregte Menschen um die Volkswagen herumstehen sieht, die hitzig über „Anhängerkupplung Golf IV“ oder „Rückleuchen beim GTI“ diskutieren.
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